|
Der mittelalterliche Fluegelaltar in Gressenich
Als ich im Oktober 1947 als Lehrer nach Gressenich kam, waren die Spuren des Krieges noch deutlich zu
sehen. Auch die alte Pfarrkirche lag in Truemmern. Nur die oestlichen Chorwaende und der Rumpf des Kirchturms waren noch vorhanden. Der Gottesdienst fand in “Steins Saal” statt. Dort befanden sich auch, wie
man mir sagte, die beiden Fluegel des Altars, der frueher in der Kirche gestanden hatte. Wie mir berichtet wurde, waren sie vor Beginn der Kampfhand- lungen nach Hausen in der Eifel ausgelagert worden. Dort hatten
sie mit Glueck den Krieg ueberstanden. Der damalige Kuester Theodor Luetzeler hatte sie nach seiner Rueckkehr aus dem Krieg auf abenteuerliche Weise nach Gressenich zurueckgeholt.
Nun standen sie auf der Saalbuehne hinter dem Altar. Als ich die beiden Fluegel mit Erlaubnis des Pfarrers hervor ans Licht holte, ahnte ich, dass es sich hier um ein fuer eine hiesige Dorfkirche
aussergewoehnliches Kunstwerk handelte. In fast naiver aber zugleich ausdrucksstarker Weise hatte der Maler Szenen aus dem Marienleben und der Leidensgeschichte Jesu festgehalten, wie ich e s bis dahin selten gesehen hatte. Seitdem haben mich die Altarbilder und deren
Schicksal nicht mehr losgelassen. Im Folgenden will ich einmal festhalten, was ich ueber den Gressenicher Fluegelaltar zu berichten weiss: Da ich erst nach dem Krieg zum ersten Mal nach Gressenich kam, habe
ich die alte Kirche nie gesehen. Auf einer alten Postkarte erkennt man, dass sie auf der hoechsten Stelle des Ortes stand und mit ihrem massiven Turm das Bild des Ortes bestimmt. Das grosse Erdbeben, welches im Jahre 1755 die Stadt Lissabon zu drei
Viertel zerstoerte, hatte noch ueber ein Jahr Nachbeben zur Folge, die sich auch in unserer Heimat auswirkten. In einer Nacht des Jahres 1756 - so berichtete mir der alte Dechant Willms in
sehr anschaulicher Weise - begannen die Kirchenglocken von alleine zu laeuten, bis mit einem grossen Laerm der
Kirchturm zusammenstuerzte. Die Bewohner des Ortes flohen aus ihren Haeusern und verbrachten aus Furcht vor weiteren Beben die folgenden Tage und Naechte im Freien. Als die Gefahr vorueber war und das Leben im Dorf
sich wieder normalisiert hatte, errichteten die Bewohner Bildstoecke zu den Sieben Schmerzen Mariens am
Koettenicher Weg, von denen noch einige erhalten sind und vor etlichen Jahren restauriert wurden. Alljaehrlich am 15. September, dem Fest der Sieben Schmerzen, hielten die Gressenicher am Koettenicher Weg eine
Bittprozession. Dieser Brauch war lange Zeit eingeschlafen, ist aber nach den Erdstoessen vor einigen Jahren wieder aufgekommen. Der Kirchturm wurde 1806 neu errichtet.
Nun zur Kirche selbst.
Um die Jahrhundertwende liess der damalige Landeskonservator Prof. Clemen alle bedeutenden Kunstwerke der Rheinprovinz erkunden, registrieren und in einem umfassenden Werk, “Kunstdenkmaeler der Rheinprovinz”,
niederlegen, welches noch heute kunstgeschichtlich fuer den rheinischen Bereich massgebend ist1). Darin wird
bereits in der Einleitung die alte Gressenicher Pfarrkirche wegen ihrer spaetgotischen dreischiffigen Anlage besonders erwaehnt. Im uebrigen wird die Kirche dort wie folgt beschrieben:2) "Dreischiffiger Bruchsteinbau des 16. Jhd. mit eingebautem Westturm, fuenfseitigem schmaleren Chor und Sakristei an der Nordseite. Im Lichten etwa 23,85 in
lang, 13,30 in breit. Der Turm zeigt an der Suedseite in Eisenankern die Jahreszahl 1806. Das Langhaus von drei Achsen wurde beim Neubau des Turmes um eine Achse nach Osten erweitert. Sockel und Kaffgesims
verkroepfen sich um die einmal abgetreppten und in Schiefer gedeckten Strebepfeiler. Die Strebepfeiler am Chore sind aus Ziegeln wie die mittleren der Nordseite, die zudem in plumpe Quaderstreben eingebaut sind.
Die Fenster sind zweiteilig mit spaetgotischein Maßwerk; die suedlichen rundbogig, die nördlichen wie die am Chore spitz. Außerdem ein vermauertes Rundbogenfenster an der Stirnseite des suedlichen Nebenschiffs.
Das Innere hat spaetgotische Kreuzgewoelbe mit Schienenrippen. Als Stuetzen dienen Rundpfeiler mit hohem polygonalen Sockel und vierseitigem Kaempfer, an den Außenwaenden Konsolen. In der Apsis ruhen die Rippen
auf Rundstäben mit Sockel und schlichtem Kelchkapitell. Die Arkaden sind spitzbogig". Es wird heute nur noch wenige Gressenicher geben, die sich an die Kirche und deren Innenausstattung erinnern
koennen. Die letzten Kommunionkinder, die dort 1944 zum Tisch des Herrn gegangen sind, muessen heute 67 oder 68 Jahre alt sein.
Von der Innenausstattung erwaehnt Clemen außer dem Fluegelaltar besonders die Gruppe der hl.
Anna Selbdritt. Er bezeichnet sie als "gutes niederrheinisches Werk aus der zweiten Haelfte des 15. Jh.". Diese Gruppe hat gottseidank den Krieg unbeschadet ueberstanden und befindet sich heute in der
neuen Kirche. Wie ich schon erwaehnte, fand ich nach dem Krieg von der Kirche nur eine Ruine vor. Heute wuerde man sich wahrscheinlich bemuehen, wenigstens die Chorwaende mit dem schoenen gotischen
Maßwerk der Fenster aus Buntsandstein zu erhalten oder in einen Neubau einzubeziehen. Doch leider dachte man in den fuenfziger Jahren nicht daran. Wegen des dringend notwendigen Kirchenneubaus
und der geplanten Straßenfuehrung wurde das Mauerwerk abgerissen und die Truemmerreste auf einem Gelaende in der Naehe des Gutes Koettenich abgeschuettet. Von den drei Turmglocken waren nach dem Krieg noch zwei vorhanden. Die große Laurentiusglocke hing
anfaenglich in einem provisorischen Glockenstuhl neben dem ehemaligen Aufgang zur Kirche und wurde noch bis zum Bau der neuen Kirche regelmaeßig gelaeutet. Sie trug die Inschrift: S. LAVRENTTUS HEISCHEN ICH +
TZO GOTZ DENS LOVDEN IC + GREGORIVS VAN TRIER GOUS MICH ANNO MCCCCCXCHI (1593). Eine zweite kleinere Glocke lag z.Zt. im Pfarrhof. Ob es die Marienglocke aus dem Jahre 1518 oder gar
die aelteste aus dem 14.Jh.war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls sind die beiden nach dem Krieg noch vorhandenen
Glocken auf unerklaerliche Weise verschwunden. Der alte vier bzw. achteckige Taufstein stammt auch noch aus der alter Kirche.
Doch nun zum Fluegelaltar selbst: Fluegelaltar im rechten Seitenschiff der Kirche Frau Dr. Maria Geimer, eine Schwester des vormaligen Pfarrers und Heimatkundlers Robert Geimer in
Schevenhuette, Kunsthistorikerin an der Universität Bonn, hat 1937 in den Heimatblaettern des Landkreises
Aachen in einem bedeutsamen Aufsatz, „Kunstwerke aus gotischer Zeit in der Pfarrkirche Gressenich", eine gute Beschreibung des Altares gegeben. Dort3) schreibt sie u.a.: „Als wertvollstes Ausstellungsstueck birgt die Kirche
den im suedlichen Seitenschiff aufgestellten gotischen Schnitzaltar mit gemalten Fluegeln. Der aus Eichenholz
geschnitzte dreiteilige Altarschrein und die Tafelbilder an den Innen- und Außenseiten der Stellfluegel entstanden
gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter dem Einfluss der rheinischen und niederlaendisch-belgischen Kunst- stroemungen.... Das Mittelstueck des Altares, der geschnitzte Schrein, zeigt drei uebereinander angeordnete
Bildteile. In der unteren Bildreihe stehen auf niedrigen Konsolen die Figuren des Welterloesers und der zwoelf
Apostel, gleichmaessig vor dem Hintergrund einer Rundbogengliederung verteilt.... In der Mittelnische steht das
Standbild des hl. Pfarrpatrons Laurentius; die beiden seitlichen Bogenoeffnungen nehmen die Figuren der hl.
Katharina und Barbara, Patroninnen der Bergleute, auf. Im oberen überhoehten Teil desSchreines ist die Kroen-
ung der Maria dargestellt Unter einem reich geschnitzten Baldachin thronen der segnende Christus mit der Welt- kugel und zu seiner Rechten die betende, eben gekroente Maria....
Bei geoeffnetem Altar zeigen die Innenseiten der gemalten Fluegel, die je vier Bildfelder aufweisen, und die beiden
Bildflaechen der oberen kleinen Stellfluegel Darstellungen aus dem Marienleben: Die Begegnung an der goldenen Pforte, Geburt der Maria, oben den Tempelgang der Maria4), auf dem rechten Fluegel Vermaehlung und Ver-
kuendigung, auf dem linken Fluegel unten die Geburt Christi und die Anbetung der Koenige und schliesslich auf den unteren Bildtafeln des rechten Fluegels die Darbringung des Kindes im Tempel und den Marientod.
Die Tafelbilder zeichnen sich aus durch schoene, lichte Farbgebungen. Gruen, rot, grau, warme braune Toenungen
sind vorherrschend. Die Bilder der Begegnung, der Geburt Christi und der Anbetung der Koenige haben noch die vorher uebliche Verwendung des Goldgrundes uebernommen. Auf den uebrigen Tafeln ist das Bildgeschehen in
den Ausschnitt einer Landschaft oder eines Innenraumes hineingestellt. So ist beim Tempelgang der Maria ein hohe
Treppe gewaehlt, die in eine gotische, ueberwoelbte Halle hinauffuehrt. Maria steigt empor und wird vom Hohenpriester empfangen. Auf dem linken kleinen Stellfluegel erblickt man ein niederlaendischer Eigenart
nachgeformtes Straßenbild mit gotischen Haeusern und dem stattlichen Bau einer Kirche. Von lieblich-zarter
Stimmung erfuellt sind die Darstellungen der Geburt Christi und die Anbetung der Koenige. Sie erinnern lebhaft an
aehnliche lyrisch gehaltvolle Bilder der Koelner Malerschule aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Kunstmittel der nahen Niederlande haben starke Anregung gegeben für die Durchbildung des Innenraumes, fuer die
Bewegungen der Figuren im Raeumlichen mit den notwendigen Verkuerzungen und Ueberschneidungen, den Gegensaetzen von Licht- und Schattenwirkungen. Bildszenen von besonderem Reiz, wie die Wochenstube der hl.
Anna, die Verkuendigung, Tod der Maria, die Darstellung im Tempel, die sich im Innern einer typischen nieder- laendischen Kirche der Gotik vollzieht, lassen deutlich die engen kuenstlerischen Zusammenhaenge mit dem
benachbarten niederlaendisch-belgischen Gebiet erkennen. Die Außenseiten der Fluegel geben in geschlossener Wandlung des Altares eine Bildfolge aus der Leidens-
geschichte Christi. Die Bildreihe beginnt auf dem linken Fluegel mit der Darstellung der Oelbergszene. Das Bild
zeigt gleichzeitig zwei Darstellungsmotive, die man bisweilen auch auf frueheren Tafelbildern antrifft. Im Vorder-
grund ist Christus eben von den Haeschern ergriffen worden; Petrus schlaegt dem Malchus das rechte Ohr ab. Im
Hintergrund des Bildes fuehrt ein gewundener Weg in eine tiefräumige Huegellandschaft mit fern aufragenden Toren
und Tuermen einer Stadtansicht. Vor einer zerkluefteten Felspartie ist die zweite, dem Hauptgeschehen im Vordergrund voraufgehende Szene wiedergegeben: der ringende Erloeser, umgeben von den Aposteln, die
regungslos in tiefem Schlaf liegen. Die zweite Tafel zeigt die Geisselung. In einer ueberdeckten, halboffenen Halle, die den Anblick in einen Strassen-
zug frei gibt, misshandeln Schergen den an einen Saeulenstumpf gebundenen Schmerzensmann. Die Bilder werden
in den oben geschlossenen Stellfluegeln, in der Darstellung des "Ecce homo" fortgesetzt. Christus wird, von den
Schergen begleitet, aus dem Gerichtshaus der hasserfuellten Menge zugefuehrt, die sich nach dem Hintergrunde zu
im Straßenbild mit gotischer Haeuserreihe und breit gespanntem Torbogen verliert. In einer schmalen gotischen
Stube mit vielteiligen, erzaehlenden Einzelheiten findet die Verurteilung Christi, die Handwaschung des Pilatus statt,
die oben links auf dem rechten Fueügel dargestellt ist. Es folgen dann die Kreuztragung und weiter unten au f dem linken Fluegel die Annagelung. Die weite, huegelige Landschaft, die von locker gereihten Baumgruppen belebt und im Hintergrund von dem Ausschnitt einer
Stadtansicht begrenzt wird, kehrt in fast einander gleichender Gestaltung, wie schon bei der Oelbergszene, auch auf den Darstellungen der Kreuztragung,
Annagelung, Grablegung und Auferstehung wieder. Das Bildgeschehen der Kreuzigung und Grablegung gewaehrt im Vordergrund genuegend Raum für die
Anordnung einer geschlossenen Figurengruppe, die den Mittelpunkt, Kreuz und Grab, trauernd und klagend umgibt. Das Auferstehungsbild schliesst die grosse
und reiche Folge der Passionsdarstellungen ab. In Bildgestaltung und farbiger Behandlung nehmen sie die gleichen Kunstmittel auf, die auch bei den inneren Bildtafeln der Fluegel Anwendung
gefunden haben. Die einer sorgfaeltigen Wiederherstellung beduerfenden Malereien auf den Innen- und
Außenseiten der Altarflügel ueberragen an Qualität und kuenstlerischem Gehalt die Schoepfungen des Bildhauers.
Sie koennen als durchaus gute und mit Sorgfalt ausgefuehrte Arbeiten eines tuechtigen Meisters betrachtet werden,
der rheinische und niederlaendisch-belgische Anregungen aufgenommen und mit eigenen Darstellungsmitteln
geschick vereint hat. Das in seiner Gesamtheit aeusserst wirkungsvolle Altarwerk der Gressenicher Kirche verdient ueber den engeren Heimatbezirk hinaus besondere Beachtung”.
Der Altar befand sich also im Chorraum des rechten Seitenschiffs der Kirche. Wie die alte Aufnahme zeigt, waren
die Fluegel wegen der raeumlichen Enge nicht ganz zu oeffnen. Es ist zu vermuten, dass das Werk frueher einmal als Hauptaltar im Chorraum des Mittelschiffs gestanden hat. Ich frage mich nur, wie die Kirchengemeinde Gressenich, vor vierhundert Jahren, deren Mitglieder im wesentlichen
aus Bauern, Handwerkern und Tageloehnern, sprich "Bessemskriemern”, bestand, das Geld für die Anschaffung
eines so wertvollen Altares aufbringen konnte. Außer der Abtei Cornlimuenster, zu deren Herrschaftsgebiet
Gressenich damals gehoerte, wuesste ich weit und breit keinen Sponsor, der hierfür die Mittel haette beisteuern koennen.
Lediglich die Altarfluegel hatten mit Glueck den Krieg ueberstanden. Spaeter fanden sich auch im Truemmerschutt
der zerstoerten Kirche die Holzskulpturen bis auf die Kroenung Mariens, die bis heute verschollen ist. Danach haben die Figuren etliche Jahre in einer Kiste auf dem Speicher des Pfarrhauses verbracht.
Nach Fertigstellung der Notkirche, dem heutigen Pfarrheim, wurde der Wirtschaftssaal, in dem die Altarfluegel
untergebracht waren, wieder seinem Zweck zugefuehrt. Die Fluegel kamen ins Pfarrhaus und fanden zunaechst im
Pfarrbuero auf einer Konsole Aufstellung. Der damalige Pfarrer Berks erlaubte mir, sie einmal auf den Pfarrhof zu
tragen und zu fotografieren. Verglichen mit den heutigen fototechnischen Mitteln geschah dies auf eine sehr primitive
Weise, natuerlich mit einem Scharz-weiss-Film. Trotzdem war ich mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. Einige Jahre
spaeter, etwa 1957, bat mich Pfarrer Hohn, die Bildtafeln und Figuren des Altares in Farbdias festzuhalten. Da mir
inzwischen eine bessere Kamera mit Objektivsucher und automatischer Belichtung zur Verfuegung stand, gelangen diese Bilder recht gut. Nach dem Weggang von Pfarrer Hohn waren die Dias aber nicht mehr vorhanden.
Durch den Wechsel meines Dienst- und Wohnortes nach Schevenhuette 1958 verlor ich den Gegenstand meines
Interesses einige Zeit aus den Augen, bis ich eines Tages - es muss etwa 1965 gewesen sein - bei einem Besuch in
der inzwischen erbauten neuen Gressenicher Kirche die acht Bildtafeln vorfand, und zwar gerahmt an der linken
Seitenwand haengend. Die Seiten mit den Bildern der Passion waren sichtbar, wogegen das rueckseitige Marien-
leben gegen die Wand hing. Pfarrer Hohn hatte wohl die Idee gehabt, die Bilder der Leidensgeschichte als eine Art
Kreuzweg zu verwenden. Da der Wandputz aber noch frisch war, konnte es nicht ausbleiben, dass die rueck- seitigen Bilder Schaden nehmen wuerden. Und so geschah es denn auch. Die Farbe blaetterte teilweise ab. Nur
drei Bildtafeln des Marienlebens blieben einigermaßen unversehrt (Anbetung, Vermaehlung und Darstellung).
Inzwischen war das Bistum auf die Existenz der Reste des ehemaligen Fluegelaltars aufmerksam geworden und
veranlasste, dass die verbliebenen Teile konserviert wurden. Das geschah mit großer Muehe und vermutlich nicht
unerheblichen Kosten. So weit es moeglich war, hatte man versucht, den alten Altar zu rekonstruieren, zumindest
anzudeuten, wie er frueher einmal ausgesehen hatte. Ein neuer Altarschrein aus Eichenholz wurde hergestellt und die Rahmen mit den alten Farbornamenten versehen. Das Sprenge- und Masswerk wurde nicht rekonstruiert
sondern im Maßstab 1:1 aufgemalt, so dass die Skulpturen bis auf die verloren gegangene Darstellung der Kroenung Mariens an ihrem rechtmaessigen Platz angebracht werden konnten. Der
rekonstruierte Altar fand seinen Platz zunaechst an der linken Seitenwand der neuen Kirche und spaeter hinter dem Hauptaltar. Ich kann mir vorstellen, dass die Massnahme vor allem
von den aelteren Gressenichern begrueßt und anerkannt wurde. Dem aufmerksamen Beobachter muss jedoch bei genauerem Hinsehen auffallen, dass mit
den Tafelbildern etwas nicht stimmt. Abgesehen von den deutlich erkennbaren Schaeden vor allem bei den Darstellungen aus dem Marienleben, die man wohl bewusst so belassen
und nur konserviert hatte, passen vier Bilder offensichtlich nicht zum Gesamtstil der uebrigen. Es handelt sich um die Tafeln “Begegnung unter der goldenen Pforte" und “Geburt Maria"
und “Gefangennahme" und “Geisselung". An die Stelle der "Begegnung" ist eine Art
"Strahlenmadonna" im Nazarenerstil getreten, die moeglicherweise einigen Betrachtern gefaellt, aber weder von der
Thematik noch vom Stil her dorthin gehoert. Die Rueckseite dieser Tafel ("Geisselung“) ist ebenfalls ein ganz
anderes Bild als das urspruenglich vorhandene. Es stellt zwar die Geisselung an der Martersaeule dar, ist aber viel
plumper und fast primitiv gemalt. Es stellt sich die Frage, auf wessen Veranlassung und zu welcher Zeit die Tafeln
ausgewechselt oder vielleicht auch uebermalt worden sind. Im Jahre 1953, als ich die Tafeln zum ersten Mal
fotografierte, waren die urspruenglichen Bilder jedenfalls noch vorhanden. Auf meine Anfrage bei der für die
Restaurierung zustaendigen Behoerde teilte man mir mit, dass man sich bei der Wiederherstellung der Altarflügel
entschlossen habe, die neuzeitlichen Ergaenzungen wieder zu verwenden, damit das gesamte Programm des Altars
erhalten blieb. Demnach waren die alten Bilder zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr vorhanden. Dass man die
"Strahlen- madonna" wieder verwendet hat, ist mir jedoch unverstaendlich, da sie wirklich nicht in den thematischen
Zusammenhang des Gesamtkonzepts passt. Bei der "Gefangennahme" und "Geburt der Maria" bin ich mir nicht
sicher, ob an ihnen nicht schon früher Veraenderungen vorgenommen worden sind. Sie decken sich jedenfalls nicht
mit der Beschreibung durch Dr. Maria Geimer. Ob bei der Wiederherstellung des Altares fachgerecht verfahren
worden ist, kann ich nicht beurteilen. Ein für mittelalterl. Kunst massgebender Wissenschaftler, Prof. Dr. Zehnder,
jetziger Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Bonn, der sich auf meine Empfehlung hin den Altar einmal angesehen hat, ist jedenfalls nicht der Meinung. Er haelt eine Korrektur der Massnahme für erforderlich.
Die Pfarrgemeinde Gressenich ist mit dem mittelalterlichen Flügelaltar im Besitz eines wertvollen Kunstwerks, wie
es im weiten Umkreis kein zweites gibt Darauf kann die Pfarrgemeinde stolz sein. Der Besitz eines so kostbaren
Kunstwerkes setzt aber auch ein hohes Verantwortungsgefühl voraus. Wie das wechselvolle Schicksal des Altares zeig war das leider nicht immer vorhanden.
Anmerkungen: 1) und 2) siehe "Kunstdenkmaeler der Rheinprovinz", hier "Kunstdenkmaeler des Landkreises Aachen und des Kreises
Monschau, 1912 (Nachdruck 198 1) 3) Heimatblaetter des Landkreises Aachen 1937, Verlag des Heimatvereins des Landkreises Aachen, Seite 29 ff
4) Nach einer Legende hatten sich Joachim und Anna, die Eltern Marias, nach 20jaehriger kinderloser Ehe getrennt. Joachim lebte
fortan in der Gegend von Nazareth und Anna in Bethlehem. In einer Engelerscheinung wurde beiden eines Tages die Weisung
gegeben, nach Jerusalem zu gehen und sich an der Goldenen Pforte des Tempels zu treffen. Dann wuerde ihr Kinderwunsch in
Erfuellung gehen. Diese Begegnung ist auf der Bildtafel eindrucksvoll dargestellt. Nach einer weiteren Legende soll Maria als
Tempeljungfrau den Dienst im Tempel verrichtet haben. Die Vermaehlung Mariens ist auch legendaer. Die Darstellung bezieht
sich wahrscheinlich auf die Bibelstelle Matth. 1, 20-25, wo es u.a. heißt “..er nahm Maria zu sich"
|